Ich wollte mich schon zum Schreibtisch drehen, mich ablenken, und wenn es mit der Spesenabrechnung war, als mein Blick an einem komischen Licht vorne an der Neuen Nationalgalerie hängenblieb. Als würde dort ein Feuer brennen. Erst traute ich meinen Augen nicht ganz. Wer sollte morgens um fünf an diesem für Berlin-Mitte abseitigen Ort ein Feuer entzünden? Aber vor dem schwach beleuchteten Gebäudesockel des Museums flackerten eindeutig Flammen. Genaueres war auf die Entfernung nicht zu erkennen.
Ich tappte leise in die Ankleide, packte mich in meinen Lammfellmantel und zog die dicken Räven-Stiefel über. Um diese Uhrzeit war es völlig egal, wenn ich daherkam wie ein Yeti. Leise verließ ich die Wohnung, um nachzusehen, was da los war. Ein Spaziergang an der frischen Luft würde mir auch helfen, den Traum abzuschütteln. Wahrscheinlich war das Feuer von Obdachlosen entfacht worden, die versuchten, sich damit vor dem Frost zu schützen, womöglich wurde Hilfe gebraucht.
Auf der Straße attackierte mich die Kälte augenblicklich wie ein beißendes Tier. Seit Tagen hatten wir nachts Minusgrade. Mein Atem bildete kleine Nebelwolken, und meine Haut fühlte sich an wie brüchiges Pergament. Ich nahm den Weg über die Bendlerbrücke, von hier war das Feuer noch deutlicher zu sehen. Vorsichtig stapfte ich den vereisten Gehweg entlang, froh um die schweren Stiefel. An der Uferböschung lag alter, dreckiger Schnee. Ab und zu ein einzelnes Auto, sonst nur, weit entfernt, als käme es von einem ganz anderen Ort, das Grundrauschen der Stadt.
Ich vermute, dass die wenigsten Museumsbesucher, auch nicht die Berliner, diese Senke vor der Nationalgalerie kennen. Auf der Grünfläche unterhalb der Terrasse, eingekeilt zwischen Landwehrkanal und Wissenschaftszentrum, stehen die mächtigen Granitstelen von Ulrich Rückriem wie versteckt zwischen den Bäumen. Von der Nationalgalerie aus sind sie nicht zu sehen.
Ich nahm den unbefestigten Trampelpfad über die Wiese hoch zur rückwärtigen Museumseinfahrt. Weit und breit keine Menschenseele, und trotzdem brannte dort oben ein Lagerfeuer. Es war nicht so leicht, sicheren Tritt zu fassen. Im Laufe der letzten Tage war der Pfad immer wieder zu Morast getaut und erneut festgefroren. Als ich endlich nahe genug war, um Einzelheiten zu erkennen, katapultierte mich der Anblick in eine völlig andere Realität. Allerheiligen, Bayern, das Dorf, der Hof, die Hausschlachtungen. Schweine, die in Todesfurcht quiekten, gellende Laute. Die Stille nach dem Schussapparat. Der hölzerne Sautrog, das Brühharz, dampfendes Wasser und schwere Ketten. Die mächtigen Tiere borstenlos nackt, große eiserne Haken durch die Läufe, aufgehängt unter den Vordächern der Heustadel. Dann der saubere, rasch ausgeführte Schnitt, die Kehle weit geöffnet, Blut, das dampfend in eine große Blechschüssel schießt. Hektik, Eile, eines der größeren Kinder muss rühren und das Blut in Bewegung halten, es darf nicht gerinnen, wird gebraucht für die Wurst. Ich am Rande. Abgestoßen und fasziniert zugleich. Dann die Panik, wenn einer der Männer mich packt, festhält und ein anderer mir den Schweineschwanz an die Hose heftet. Das Grölen der Männer, während ich flüchte, mich nicht getraue, den Kringel anzufassen und einfach abzuziehen.
Es war freilich kein Schwein, was da über einem flachen Granitquader lag. Ich zitterte unkontrolliert am ganzen Körper. Der nackte Tote hing auch nicht an Haken wie ein Schwein. Er lag mit ausgebreiteten Gliedern über dem Stein. Auch war sein Blut nicht aufgefangen worden, sondern unter seinem Kopf zu einem dunkel glänzenden Spiegel erstarrt. Doch der Körper war genauso bleich und nackt wie der eines entborsteten Schweins.
Gebannt vom Grauen zu meinen Füßen, stakste ich ungelenk ein paar Schritte näher, bis der süßliche Gestank verbrannten Fleisches mich jäh stoppte. Es war ein alter Mann, nicht allzu groß, dünne Gliedmaßen, ein aufgeblähter Bauch. Sein Schädel ragte über die Kante des leicht abfallenden Steins, so dass er ausbluten musste, nachdem ihm die Kehle von Ohr zu Ohr durchschnitten worden war. Am rechten Oberschenkel fehlte ein Stück. Lag das im Feuer? Brutzelte da von kleiner werdenden Flammen umzüngelt ein Fleischbrocken?
Ich übergab mich an Ort und Stelle. Würgte, keuchte und fing mich wieder. Mit Ausspucken versuchte ich, so gut es ging, meinen Mund zu reinigen. Kam wieder hoch. Ich bemühte mich noch einmal, zu verstehen, worauf ich da schaute. Über der ganzen Szenerie lag feiner weißer Staub. Ich presste meine Hände tief in die Manteltaschen, spannte den Körper an, aber das Zittern ließ nicht nach. Eine Inszenierung war das, ein Schauspiel, keinesfalls die Wirklichkeit! Bloß, dass ich das Opfer kannte – Arno Griesheim, Immobilieninvestor und Kunstsammler. Er war mit Sicherheit kein Schauspieler. Einen Moment lang hoffte ich, dass ich immer noch träumte. Gleich würde ich in meinem Schlafzimmer aufwachen, wahrscheinlich erschöpft, egal, Hauptsache sicher. Es war aber kein Traum und auch kein Theater. Die Szene löste sich nicht auf. Der Mann war tot, definitiv! Inszeniert in einem bizarren Bild. Angst ballte sich in meinem Inneren zusammen und nahm Anlauf. Das verdammte Tafil lag daheim auf der Fensterbank. Irgendwo startete ein Auto, aber die Realität war weit weg. Noch immer war ich wie festgefroren, ich versuchte, konzentriert und regelmäßig tief in den Rücken zu atmen. Auf jeden Atemzug achtend begann ich zu zählen – aus, ein, eins, zwei – langsam ließ das Zittern nach – ein, aus, drei, vier – allmählich schaltete mein Gehirn zurück in den regulären Modus und ich löste mich vom Anblick der Leiche.