Leseprobe

Hedwig Baurs zweiter Fall – Cum-fake

Könnte er doch nur seine Hände bewegen!
Was aber, wenn die ganze Story nicht stimmte?
Todespunkte!
Was, wenn Pauls Geschwafel ein Märchen war?
Von wegen töten allein durch Berührung!
Gregor hatte natürlich Recht, sie durften Paul nicht alleine lassen.
Er fühlte sich nicht gut, als würde in seinem Magen irgendwas Gefährliches vibrieren, ein Ameisenhaufen, ein Hornissennest ‑ sehr, sehr unangenehm. Er hatte nichts gefrühstückt, absichtlich nicht. War vielleicht ein Fehler.
Die Fahrt kam ihm vor, wie eine Ewigkeit. Von Dahlem zum Potsdamer Platz, konnte doch unmöglich so weit sein!
Der Kofferraum war viel zu klein.
Gregor hatte auf dem 280er SL bestanden. Wegen der Kameras in der Tiefgarage, Unverwechselbarkeit und so. Gregor brauchte ja auch hier nicht zu liegen.
Wenigstens war Paul ruhig. Fehlte noch, dass er ständig quatschte.
Shit, wie dieses Stop’n-go nervte!
Eigentlich war er viel zu kaputt für diesen ganzen Mist.
Der Wagen verlangsamte und ging in Steillage. Das musste die Tiefgarage sein.
Endlich!
Paul rutschte gegen ihn, er bekam keine Luft mehr. Sie rollten durch das Parkhaus. Das Motorengeräusch hallte dumpf, der Gestank von Benzin und Abgasen verdrängte den Schweißgeruch. Der Wagen wieder schräg, andere Richtung diesmal, er drückte Paul gegen das Chassis. Sie stoppten, wahrscheinlich die Zugangsschranke zum Firmenbereich von Hartnett, rollten wieder an und endlich machte Gregor den Motor aus. Als sich die Heckklappe öffnete, war selbst die matte Beleuchtung der Tiefgarage noch zuviel. Er blinzelte und in seinem Bauch vibrierte es wie verrückt. Er kletterte hinter Paul aus dem Kofferraum, seine Gelenke schmerzten wie Hölle, die wiedereinsetzende Blutzirkulation bescherte ihm Schnappatmung. Paul begann sofort mit Dehnübungen. Er tauschte mit Gregor einen bestätigenden Blick und sein Freund verschwand wortlos im Zugangskanal zu den Aufzügen.
Die Fahrt war schon nicht einfach gewesen, und es würde nicht leichter werden. Die nächsten neunzig Minuten ungefähr hatten sie nichts zu tun, außer zu warten und dabei unbemerkt zu bleiben, also möglichst schweigend zu warten.
Wenigstens konnte er die Hände wieder frei bewegen.
Gestern Abend hatte er noch die Columbia-Halle gerockt und heute Vormittag versteckte er sich zusammen mit einem selbsternannten Todeskämpfer in einer Tiefgarage.
Das war doch alles der Wahnsinn!
Er hatte absolut keine Zeit für diesen Mist, in zwölf Wochen musste das neue Buch beim Verlag sein.
Vielleicht würde ja Hagen gar nicht auftauchen und die Sache war vorerst erledigt.
Ne, nicht gut, dann würde die ganze Story von vorne beginnen, und sie müssten wieder wochenlang an einem Plot arbeiten. Schon besser, wenn alles lief, wie geplant.
Paul zündete sich eine Tüte an. War okay, wer sollte das in dieser Ecke schon riechen? Er lehnte dankend ab, in seinem Kopf war genug los.
„Was hast du denn?“, fragte er dann doch flüsternd und kam sich albern dabei vor.
„Indica“, gab Paul ebenfalls flüsternd zurück.
Er schüttelte den Kopf. Sativa hätte er überlegt, aber Indica ‑ keinesfalls!
Paul war die Ruhe selbst. Noch war ja Zeit, Hagen würde erst in einer Stunde oder so kommen. Der wurde gerade in der sechzehnten Etage von seinen Kollegen vor versammelter Mannschaft gegrillt, auch nicht schön.
Am späten Vormittag war in der für die Kanzlei reservierten Ecke kaum was los. Eine Frau, die auf einem Fahrrad ankam, und ein Hausmeister im Blaumann, der eine Sackkarre mit Kisten wegrollte. Dass er sein Zeug irgendwo in der Tiefgarage verlud, bekamen sie nur akustisch mit. Hauptsache es blieb so, wenn’s drauf ankam!
Er musste aufhören, sich andauernd diese ‚Wenn‘ und ‚Aber‘ auszumalen. Alle Signale waren positiv, der Plot felsenfest. Er stubste Paul an und nahm doch einen Zug und gleich noch einen zweiten. Alles easy, sie hatten sauber gearbeitet, nichts vergessen. Er sollte sich entspannen.
Paul, die Labertasche, hielt weiter die Klappe. Hatte seit eineinhalb Stunden kein Wort gesprochen, Hammer! Er hing irgendwie in einer Art Meditation fest, gehörte wahrscheinlich zur Vorbereitung. Er selbst war höllisch nervös, die ganze Zeit dieses verdammte Stillhalten.
Sie drückten sich hinter einem Cayenne an die Wand, bis sie jemand aus dem Eingangsbereich näher kommen hörten. Was sollte er jetzt machen? Seltsam komisch, dass Paul immer noch so ruhig war. Der müsste doch irgendwie reagieren, in Startposition gehen, oder so. Was war mit dem los? Er wirkte einfach nur gechillt. Als die Tür zum Eingang sich öffnete und Hagen heraustrat, spannte er alle Nerven an und in seinem Magen legten die Hornissen wieder los.
Endlich bewegte sich Paul, trat hinter dem Cayenne hervor, ging ruhig auf Hagen zu, der schon an seinem Wagen war und sich überrascht umdrehte, als Paul ihn ansprach, irgendwas von seinem Vater sagte. Er bekam es nicht genau mit. Er beobachtete, wie die beiden voreinander standen und meinte, bei Paul eine besonders lockere Haltung zu erkennen. Der Anwalt war einen Kopf kleiner als Paul. Bevor Hagen irgendwas sagen konnte, schlug Paul ihm gegen den Hals. Blitzschnell, so dass er kaum sah, wie es passierte. Er hatte weder erkennen können, wie Paul den Schlag genau ausführte, noch wo exakt er landete. Er sah nur, wie Hagen einen Moment wankte und dann auf die Knie ging. Sein Kopf schlug hart auf dem Betonboden auf.
Das Vibrieren der Hornissen lief jetzt durch seinen ganzen Körper.
Paul stand noch bewegungslos vor Hagen, als hinter ihm Gregor auftauchte. Er stieß Paul gegen die Schulter, „los jetzt!“, und sperrte den Kofferraum auf. Er zuerst, gegen die Heckwand gepresst, und dann Paul, nahmen sie wieder diese bescheuerte Löffelposition ein. Gregor schlug den Deckel zu und gleich darauf hörte er die Tür zum Eingangsbereich wieder zufallen. Wieder warten! Hoffentlich ging’s jetzt schnell, sonst erstickten sie noch in dieser Büchse.